Der genderfluide Theaterklassiker

03. August 2021 » Gesehen & gehört

Der genderfluide Theaterklassiker

Der "Jedermann" anno 2021 im Rahmen der Salzburger Festspiele:

Lars Eidinger als Jedermann und Verena Altenberger als Buhlschaft sind ein eindrucksvoller Theatercoup. Sie brillieren im Traditionsspiel von Hugo von Hofmannsthal und hauchen dem 100 Jahre alten Stück neues Leben ein. In der Regie von Michael Sturminger bewegt sich der Jedermann zwischen den Geschlechtern. Welche Allegorie durch das gender-gerechte Spiel vom Sterben des reichen Mannes verstärkt werden soll, bleibt aber ein Mysterium.

Die zweite Aufführung des Jedermann in Salzburg blieb vom Wettergott verschont und fand am Domplatz statt. Nicht zuletzt deshalb wird das klassische Drama alljährlich zum atmosphärischen Volks-Spektakel. Wenngleich diesmal die Bühne nur durch den Dom im Hintergrund opulent erscheint. Die einstige Festtafel ist diesmal nur ein schlichter Tisch. Die Geschichte des reichen Mannes, der seine Buhlschaft mit Geld, einem üppigen Mahl und einem Landsitz beeindrucken will, ist von einer ärmlichen Szenerie umgeben. Post-Corona beschränkt man sich auf die viel zitierte Einfachheit. Nur wer wenig konsumiert, keinerlei Maßnahmen kritisiert und geschlechtsneutral formuliert, gilt als politisch korrekt. Da kommt ein "gegenderter" Jedermann gerade recht. Anno 2021 entscheiden die Frauen über Sein und Nichtsein, ob als Teufel oder Gott brechen sie männlich dominierte Denkmuster auf. Der Jedermann ist kein angeberischer Macho, sondern ein depressiver Exzentriker, der im schwarzem Renaissancerock, einer aus Goldgarn gestrickten Hose im 1970er-Stil und blauen Absatzschuhen auftritt. In der Regie von Michael Sturminger ist der Jedermann bereits zu Beginn eine traurige Figur. Zunächst nur in roten Unterhosen gewandet, weint er bittere Tränen, weil ihn das süße Leben so gar nicht mehr freut.

Die Vettern (Gustav Peter Wöhler und Tino Hillebrand) albern herum, doch als Begleiter aus der Moll-Stimmung taugen sie nicht. Dem Schuldknecht (Mirco Kreibich) zeigt Jedermann im hervorragend gespielten Zeitlupen-Boxkampf wer der Stärkere ist. Die guten Werke sind eher flüchtige Wesen mit wenig Tiefsinn. Der Glaube (Kathleen Morgeneyer) erscheint als schwangere Gestalt und der Teufel gleicht eher einem frechen Klabautermann, als einem furchteinflößenden Exitus. Mavie Hörbiger brilliert in der dialektisch angelegten Doppelrolle als Gott und Teufel. Die Mutter (Angela Winkler) bringt die ganz große Würde ins Spiel um das Sterben des verwöhnten Kindes. Sie will den traurigen Sohn aus seinem Seelentief holen und avanciert dabei selbst zur Heldin. Er schwärmt auch im tiefsten Leiden noch von seiner Liebsten, die ihm allzu überlegen ist. Die "Buhle" hat bei Sturminger mehr als die berühmten 30 Sätze, die sie seit 99 Jahren zu sprechen hat. Beim 100. Jedermann ist die weibliche Rolle eine wortgewaltige. So beeindruckt die Buhlschaft (Verena Altenberger) bereits in der ersten Szene als auf des Jedermann Schultern sitzend. Sie verdeckt sein Haupt mir ihrer wallenden, roten Stola. Er leiht ihr seine Stimme, sie bewegt synchron die Lippen:

... Mein Haus hat ein gut Ansehn, das ist wahr. Steht stattlich da, vornehm und reich. Kommt in der Stadt kein andres gleich. Hab drin köstlichen Hausrat die Meng, viele Truhen, viele Spind, dazu ein großes Hausgesind. Einen schönen Schatz von gutem Geld und vor den Toren manch Stück Feld. Auch Landsitz, Meierhöf voll Vieh, von denen ich Zins und Renten zieh, dass ich mir wahrlich machen mag so heut wie morgen fröhliche Tag ...

Sie schafft ihm an, was ihr Begehr.

Die Buhle ist nicht mehr das schmachtende Weib, das beeindruckt werden will. Mit frechem Kurzhaarschnitt spielt sie das emanzipierte Vamp, das den Jedermann als erotischen Zeitvertreib sieht. Auch im wortlosen Abschiedstanz ist ihr das eigene Leben näher, das wird dem Todgeweihten bitter bewusst. Das Umkehren der Rollenbilder gelingt souverän. Sturmingers auf das Wesentliche fokussierte Inszenierung, ist eine gut ineinanderfließende Mischung aus Drama und Lustspiel mit weiblicher Koketterie und Grazie, die selbst dem Tode noch innewohnt. Edith Clever wechselt die Mutterrolle mit der des Sensenmannes, der im weißen und später im schwarzen Zackenhut erscheint. Mit sanften, weisen Worten fordert sie den nötigen Respekt vor dem Leben ein, der dem Jedermann allzu spät bewusst wird. In der Neuinszenierung wurde auf religiöse Glaubenshuldigung verzichtet, die der katholische Dichter Hugo von Hofmannsthal als den anzustrebenden Succus benennt. Die Essenz des Theaterstücks macht immer kollektiven Sinn, denn nichts ist uns so nahe wie das schlechte Gewissen im Angesicht des Todes.

Der Jedermann in den Armen des Todes: ein Bild von einer Pietá.

Was sich der Regisseur jedoch dabei gedacht hat, den Jedermann zuzeiten als gender-fluides Wesen mit Brüsten und hochhackigen Schuhen anzulegen, bleibt dahingestellt. Denn wäre es nicht genug, dem Mann echte Tränen weinen zu lassen und den Frauen die Macht zu verleihen, die sie seit 100 Jahren vermissen und die ihnen zweifelsohne zusteht? Das groteske Fatsuit lässt den Jedermann kurz zur Farce verkommen. Wenn da nicht der kluge Lars Eidinger wäre, der sich dem Sittenbild nicht vollkommen hingibt. Sein Hedonismus ist stets schaumgebremst, in keiner Phase gibt er den Macho. Vielmehr taumelt er jammernd einem Märtyrertod entgegen, den er nur eine Stunde aufschieben kann. Lars Eidinger stirbt als Jedermann zweimal - als Mensch und als Mann. Erst im Sterben in den Händen der Mater Dolorosa gibt er sich majestätisch geschlagen. Das Abschlussbild im Stil der Pietá ist ein würdevolles Ende eines bewegenden Theaterabends voller Tempo und Kraft. Das überarbeitete Sittenbild hat den pompösen Ballast abgeworfen und dem modernen Sprechtheater Platz gemacht. Noch nie war der Jedermann so aktuell wie nach düsteren, einsamen Corona-Tagen.

Nur ein Wermutstropfen bleibt: Der neue Jedermann ist ein Genrebild unserer Zeit, in der die bekannte Geschlechterkongruenz einer bemühten, sexuellen Selbstbefragung zu weichen hat. Ob dadurch die Allegorie des Lebemannes´ Angst vor dem jüngsten Gericht verstärkt wird? Das bleibt für mich ein fast penetrantes Rätsel.