Der Unterschied zwischen Kunst und Zweck

29. December 2018 » Kunst & Wirtschaft

Über die nackte Skifahrerin des österreichischen Künstlers Christian Ludwig Attersee am ÖSV-Plakat ist nun schon einiges geschrieben worden und mittlerweile wurde es mit Bedauern zurückgezogen. Es sollte also gut sein. Doch mich bewegen die Fragen: Was ist freie Kunst und was ein Auftragswerk?

Der von mir geschätzte Auktionator Otto Hans Ressler hat auf Facebook mit einem sarkastischen Post aufhorchen lassen: Er sei für die Schließung des Kunsthistorischen Museums in Wien, weil dort schließlich unzählige Frauen nackt dargestellt werden. Er geht noch weiter und schreibt er sei für die "Talibanisierung der Kunst", um nie Gefahr zu laufen, die Gefühle der Betrachter zu verletzen. Ich finde die Satire grundsätzlich ein probates Mittel, um Missstände umzukehren und humorvoll einzumahnen. Doch hier liegt wohl ein grundlegender Irrtum vor. Das Plakat, das Christian Ludwig Attersee für den ÖSV gemalt hat, ist ein klassisches Auftragswerk. Seit 1996 malt er die Poster für die Semmering-Rennen, diesmal mit einer nackten Frau auf Skiern, die eine nicht gerade sportliche Pose einnimmt. Umgeben von roter Farbe und allerhand Getier blickt ihr ein Halbmond zwischen die Beine. Was hat sich der Künstler dabei gedacht? Er beschreibt sein Werk als "der Pornografie entgegen gestellte Darstellung, die Kraft, Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein positiv zeigt." Eine wagemutige Definition, nach all den aufgedeckten, sexistischen Skandalen beim ÖSV. Prompt reagierte Nicola Werdenigg, die ehemalige Skirennläuferin, die mit ihrem Outing die Debatte über Sexismus in Sportlerkreisen losgetreten hat und zahlreiche Frauen stimmen ihr zu: Das Plakat habe seine Wirkung verfehlt und weder der Kunst, noch dem Skisport, noch dem Feminismus einen Dienst erwiesen.

Debatte über Freiheit der Kunst, die als Auftragswerk nicht frei sein kann!

Es gab aber auch einen Aufschrei, dass die Kunst frei sei und ein Künstler doch malen könne, was er wolle. Kann er, doch nur wenn es sich um seine freie Arbeit handelt. Eine in Auftrag gegebene Kunst im öffentlichen Raum hat eine explizit andere Aufgabe als Kunst, die im Museums- oder Galerienkontext präsentiert wird. Es ist ein gravierender Unterschied, ob Kunst für einen Zweck geschaffen wird - wie zur Bewerbung einer Veranstaltung - oder Kunst eine zweckfreie Darstellung eines freischaffenden Künstlers ist. Wer sich auf eine Auftragsarbeit einlässt, hat die Pflicht empathisch zu sein und genau zu recherchieren. Genau dafür wird bezahlt. Wenn der Künstler sein Werk geschickt anlegen will, übt er Kritik auf subtile Art und Weise, denn Kunst ist stets Ausdruck ihrer Zeit und gute Kunst das nachhaltige Dokument gesellschaftlicher Verhältnisse.

Stattdessen wurde in den sozialen Medien die Kunstfreiheit verteidigt, um den Feministinnen ein "Regt euch doch nicht so künstlich auf!" auszurichten. Dabei wäre es zielführender genaue Grenzen zu definieren: Freie Kunstäußerungen sollen nicht zensuriert werden, weil sie nur so ihre zeitkritische Wirkung entfalten. Auch der umgekehrte Weg ist zulässig - wenn sich ein Auftraggeber für die explizite, künstlerische Aussage interessiert und sie für seine Zwecke einsetzt - Beispiel Kunst im Unternehmen. Ein Auftragswerk allerdings, das den darzustellenden Zweck derart ad absurdum führt wie Christian Ludwig Attersee mit seiner nackten, ungelenk daherkommenden Skifahrerin, tut gut daran entfernt zu werden.