"Das Ei ist hart!"

24. November 2018 » Gesehen & gehört

Vicco von Bülow alias Loriot. Der Großmeister des deutschen Humors läutete mit Evelyn Hamann in den 1970er Jahren die TV-Comedy ein: In "Die Nudel" spielen sie ein Rendezvous, in dem die Teigware dem eitlen Verehrer hartnäckig im Gesicht klebt. In "Fräulein Dinkel" kämpfen sie den Liebes-Nahkampf und eheliche Kommunikationsprobleme offenbaren sich im Sketch "Das Ei ist hart". Lauter legendäre Auftritte. Wir Kinder der 1980er Jahre kennen Berta und Hermanns fatale Dialoge und können noch heute darüber lachen. Die bedächtige Langsamkeit und monotone Gestik des komödiantischen Paares, die von heftigen Gefühlsausbrüchen und aufgeschaukelten Emotionen unterbrochen wird, ist an Witzigkeit kaum zu überbieten. Eben weil wir die TV-Bilder der 80er in uns tragen, weil wir die Gemächlichkeit im Retro-Sketch kennen.

Wie geht das mit den zwei Brachialblödlern Grissemann & Stermann zusammen, die sich in ihrem Programm "Das Ei ist hart" an Loriot wagen? Leider gar nicht. Nun gut. Die zwei sind per se witzig. Wer ihr "Willkommen Österreich" mag, in dem sie Peinlichkeit salonfähig machen und schlechten Geschmack im TV zelebrieren, wird auch ihrem Bühnen-Auftritt etwas abgewinnen können. In ihrem Live-Programm lesen und spielen Grissemann & Stermann bekannte Sketche und Kurzdramen des großen Loriot. Wobei spielen eine Übertreibung ist. Die beiden halten sich am Mikro und an Manuskripten fest wie an Rettungsankern. Bei ihnen ist "Das Ei ist hart" nicht mehr als vorgelesenes Kabarett ohne Szenerie. Da hilft auch ein flapsiges "Hätten wir doch den Text lernen sollen" nicht. Oder wenn Grissemann in Stermanns Zeile rutscht und plötzlich die Rollen verwechselt: "Das ist mein Text!" Spontane Selbstreflexion gelingt auf der Bühne nur, wenn die dramaturgische Struktur sitzt. Diese hat bisweilen völlig ausgelassen, wenn man von Grissemanns Unterhosen-Auftritt absieht, der bis auf billige Effekthascherei nicht im Gedächtnis bleiben muss.Was den beiden gut gelingt, ist ihr bekanntes Necken: "Der Deitsche" wird vom "Taroler" beschimpft und tagesaktuelle Themen werden gekonnt verpackt: Der horizontale Sager des designierten Tiroler SPÖ-Vorsitzenden kommt pointiert an. Das vorgeführte "old couple" ist ein Lach-Garant im Publikum. Grissemann parliert in weiblichen Tonlagen, diesmal kommt nicht Gerda Rogers vor, aber die kreischende Berta, die bisweilen zu schnell auf Hundert ist. Stermann nimmt man den heiseren Herrn Hoppenstedt ab: "Ist Ihr Enkel ein Bub oder ein Mädchen?" - "Weiß ich nicht". -"Na, wie heißt denn ihr Enkelkind?" - "Na Hoppenstedt." Auch den phlegmatischen Hermann, dem angesichts seiner hysterischen Ehefrau die Sicherungen durchbrennen, imitiert er glaubwürdig.

Rettung mit "alter Schule"
Gerettet wird der Loriot-Abend von Philippine Duchateau, die am Klavier begleitet oder auch beim Psychopathen-Sketch mitlesend einspringt. Ihre musikalischen Bonmots - eine Mischung aus kontemplativen Eigenkompositionen und "This boots are made for walking" - bringen die nötige "alte Schule" in den Abend. Beim Zuhören taucht man ins Standbild Loriots ein, der mit Mops und Knollennasen-Figur via Bildschirm ins Publikum lächelt. Leider spendierten die Veranstalter nur eine Abbildung. Verschiedene Bilder aus dem Archiv hätten Abwechslung ins Retro-Kopfkino gebracht. Die fabelhaft katastrophalen Dialoge Loriots werden leider von Grissemann & Stermann auf der Bühne geopfert. Die heiter-bösen Beziehungsstudien sind aber einfach zu köstlich, um sich nicht darüber zu amüsieren.