Zum Lachen und zum Weinen schön

22. August 2018 » Gesehen & gehört

Hadern am lauen Sommerabend: Ins Open-Air-Kino oder zu Meret Becker ins Treibhaus? Ich habe mich für zweiteres entschieden und das war gut so. Das Filmerlebnis kann ich nachholen, das Gastspiel der außergewöhnlichen Sängerin nicht. Eigentlich kennt man Meret Becker ja als Schauspielerin. Im Tatort spielt sie Kommissarin Nina Rubin, die chaotisch durchs Leben wirbelt. Als Alleinerzieherin von Rabenmutter-Vorwürfen geplagt, löst sie jeden Fall mit beherzter Wut im Bauch. Doch wer Meret Becker einen ganzen Abend singen hört weiß, dass sie das Chaos auch im echten Leben im Blut hat. Allerdings ein professionell vorbereitetes, hochmusikalisches, gekonnt erzähltes, ja höchst entzückendes Durcheinander. Im Treibhaus erscheint die Sängerin in Jeans, mit raffiniertem Spitzenoberteil und barfuß. Immer wieder ein Schluck aus einem Weinglas: „Sommerspritzer, wie ihr Österreicher dazu sagt“. Sie setzt ein kräftiges „Skol“ nach und erzählt leichtfüßig von ihren deutschen, dänischen und jüdischen Wurzeln. Von ihrem Vater, dem Schauspieler Rolf Becker und ihrem Stiefvater Otto Sander – „von dem ich heute noch Rat von oben bekomme. Otto, Skol!“
Auf der Bühne ist ein Regenschirm aus Häkelspitze über das Schlagwerk gespannt. Das E-Piano von einer Spitzendecke verhüllt. Auf der Box zwei Bilder der kürzlich verstorbenen Soul-Diva Aretha Franklin mit einer brennenden Kerze davor. An der Bühnenwand prangt ein Gemälde, das wie ein Stillleben daherkommt. Meret Becker gibt es zur Interpretation frei: „Skol!“ Ein zugegeben kurioses Bühnen-Setting, das mit den mitgebrachten Instrumenten noch schräger wird: Zwei Gitarren, eine Melodica, eine Säge, eine Drehorgel, ein mit Wasser gefüllter Cognacschwenker, ein Synthesizer, den sie mit dem Fuß bedient.

Das Chaos ist ihr roter Faden

Sie holt die Säge raus und entlockt dem Werkzeug wunderschön summende Melodien - mit einem Geigenbogen. Dazwischen erzählt sie immer wieder von modernen Cowboys, von reiselustigen und liebessüchtigen. In einer Geschichte kommen auch Artisten vor, die traurig auf den brauen Fleck starren, den das Zirkuszelt auf der Wiese hinterlässt.
Meret Becker singt und erzählt. Sie zeichnet lautmalerische Bilder. Manchmal quietscht sie, manchmal tanzt sie ab. Mal ist sie wild und laut, dann wieder leise und sensibel. Sie verknüpft den roten Faden elegant: Das kreative Chaos wird zum unkonventionell-brillanten Konzertabend. Einordnen lässt sich das nicht, was Meret Becker auf die Bühne zaubert. Gerade deshalb ist es so besonders. Zum Lachen und zum Weinen schön.