Aufmarsch der Erbschleicher

15. July 2018 » Gesehen & gehört

Foto: Andrea WeberBei Volpone denke ich jäh an einen früheren Theaterabend zurück, der sich verdammt lang anfühlte. Bei den Haller Gassenspielen 2018 soll das Stück zwei Stunden dauern. Nach einem langen Arbeitstag? Doch der Sommerabend am 13.7. war wunderbar lau und die Kulisse mit Münzerturm stimmte gnädig. Auch wenn Volpone daran erinnert, dass der Mensch zum habgierigen Untier werden kann: Der reiche venezianische Kaufmann Volpone inszeniert gemeinsam mit seinem Diener Mosca sein eigenes Ableben, um die Loyalität seiner Freunde auf die Probe zu stellen. Diese freilich wittern eine große Erbschaft und schleichen was das Zeug hält: So bietet Corbaccio seinen eigenen Sohn feil und Corvino seine lammfromme Frau Colomba. Notar Voltore will bei der Abhandlung ein Auge zudrücken und die Kurtisane Canina will nach Liebesdiensten im Testament bedacht werden. Ein deftiges Spektakel über eine der sieben Todsünden: Die Habgier.

Der britische Autor Ben Johnson schrieb Volpone im Jahre 1606 als Commedia dell´ arte, Stefan Zweig arbeitete das Stück erneut um und veränderte den Schluss. Das Ensemble der Gassenspiele erscheint in typischen Commedia-Kostümen - brauner Samt, schwarzer Brokat und grüner Glanz - entworfen und genäht von Berta Posch. Ali Sackl streute gemeinsam mit den Musikerinnen Christina Nessmann, Juliana Haider und Florian Margreiter die musikalischen Bonmots bei und scheint sich irgendwie am Jedermann orientiert zu haben: Die falschen Freunde, mit verzogenen Mundwinkeln und rollenden Augen, wirken manchmal wie die Tischgesellschaft aus der bekannten Tragödie in Salzburg. Wenngleich man beim komödiantischen Spiel im Haller Burghof die Tragödie nur kommen sieht: Diener Mosca führt die Habgier des beleibten Volpone und seine vermeintlichen Freunde am zynischen Gängelband. Er witzelt gewieft durch das Stück, tänzelt herum und gibt den Schlaumeier mit Sozialkompetenz. Bravourös.

Herzzerreißend das Weinen der frommen Colomba, die sich vor fremden Männern fürchtet, aber jede Moral vergessen muss, weil ihr skrupelloser Gatte Corvino testamentarisch bedacht werden will. Herrlich schräg Markus Knauseder als Corbaccio, smart-vulgär Wolfgang Klingler als Voltore, durchtrieben-kokett Simona Schett als Kurtisane und tollpatschig, aber stets am Punkt, Maximilian Kindler als Leone - Sohn des Corbaccio. Christian Margreiter spielt den reichen Volpone: Im Zivilberuf Rechtsanwalt, kann er das Pokerface genauso wie den siechenden Kranken. Zunächst im Bette dösend, springt er plötzlich auf und gibt voller Inbrunst den lustvollen Venezianer. Er ergötzt sich an der Dummheit und Unterwürfigkeit der Erbschleicher, doch muss sich den virtuosen Gedankensprüngen und klugen Schachzügen seines Dieners geschlagen geben. Als moralische Instanz kommt noch Monika Strobl als wortgewaltige Richterin ins Spiel: Im Talar gewandet, geht ihr unter der Perücke ein Licht auf: Niemals ist ein Mensch jämmerlicher, als wenn er sich für Geld zum Affen macht.

Regisseur Alexander Sackl hat sich einiges einfallen lassen: Der Burghof wurde in eine minimalistische Bühne verwandelt. Mit Pfählen wie in der Stadt der Dogen. Mit einem blauen Tuch als symbolisches Wasser, das die erste Besucherreihe zu Wellen bewegte und einer Gondel samt Gondoliere (Markus Wessiak), der mit sonorer Stimme durch den Kanal chauffierte. Die ehemalige Burgtaverne wurde zum Gasthof "Zum schlauen Fuchs" - Nomen es omen - und für die Türklingel wurde einfach ein kurzes Bimbam angestimmt. Die Haller Gassenspiele haben mich 2018 mit Volpone versöhnt: Der erste Teil hatte einige Längen, doch waren es insgesamt zwei kurzweilige Theater-Stunden mit genialen Pointen. Alexander Sackl verzichtete auf Pseudo-Aktualitäten, kombinierte jedoch die richtige Dosis Ironie mit einer klaren Botschaft: Geben ist seliger denn Nehmen!
www.gassenspiele.at