Ein Meister der Kommerzkunst

11. June 2018 » Kunst & Wirtschaft

In der Wiener Albertina wird derzeit "Keith Haring. The Alphabet" gezeigt. Die umfangreiche Retrospektive eines Künstlers ohne Spätwerk. Insgesamt sind 100 Kunstwerke aus internationalen Museen und privaten Sammlungen zu sehen. Ein bunter Parcours durch das Schaffen des mit nur 31 Jahren verstorbenen Künstlers, der in seinem jungen Leben unglaublich produktiv war: "Mein Beitrag zur Welt ist meine Fähigkeit zu zeichnen. Ich will so viel zeichnen, wie ich kann, für so viele Menschen wie ich kann, und so lange ich kann", ließ er bereits 1985 verlauten. 1990 verstarb er an Aids. Trotz seiner wenigen Schaffensjahre kennt heute jeder Keith Haring. Und wer seinen Namen noch nie gehört hat, kennt zumindest seine kindlich anmutenden Bilder: gepunktete Figuren, krabbelnde Babys, bellende Hunde und sich umarmende Menschen. Keith Harings Motive zieren bis heute T-Shirts, Tassen, Sticker, Uhren und gelten als Ikonen der Kommerzkunst.

Haring war Zeit seines Lebens ein Genie der Massenvermarktung und Eigen-PR. Für die damalige Zeit ein absolutes Novum, denn die Breitenwirksamkeit des Internet war noch weit entfernt. Kunstkritiker bezeichneten ihn als harmlosen Zeichner schwarzer Männchen, der sich gut in Szene setzt. Dabei schuf Keith Haring ein eigenes Zeichenvokabular, das Gesellschaftskritik prägnant zum Ausdruck brachte. Seine Arbeiten stehen für Sozialkritik, die bis heute von gesellschaftlicher Relevanz zeugen. Wie kaum ein anderer Künstler verstand es Keith Haring, seine Person mit seiner Kunst zu einer Einheit zu verbinden. Sein künstlerisches Markenzeichen ist die Linie, die auf das Wesentliche formal reduziert wird. Seine Figuren kommen spielerisch leicht daher und werden durch einen Strahlenkranz zum Leben erweckt. Harings besondere Fähigkeit liegt in der Fantasie der grafischen Linie, in der keinerlei proportionale Asymmetrien erkennbar sind. Seine Bilder entstanden spontan, aus seinem Innersten heraus. So bemalte er in der New Yorker U-Bahn aufgelassene Schaufenster und nützte jede Gelegenheit um sein Alphabet im öffentlichen Raum zu platzieren. Auch der Sperrmüll wurde nicht geschont. Bereits Ende der 1980er Jahre zählte er zu den populärsten und bestbezahltesten Künstlern seiner Zeit. Was täten wir heute geben für eine alte Kiste aus dem Sperrmüll mit einem echten Strichmännchen drauf?
Keith Haring gilt heute nicht nur als Revolutionär der Gegenwartskunst, sondern auch als Meister der Kommerzkunst. Trotzdem rutschte er nie in die Banalität. Diese gekonnte Verbindung ist auch 2018 noch immer große Kunst!