Die heimliche Tiroler Landeshymne

28. May 2018 » Gesehen & gehört

Tirol - das Land im Gebirg´. Wir kennen alle die schöne Filmsequenz aus dem Kino-Vorspann: Gewaltige Bergmassive, schneebedeckte Gipfel, reines Wasser und ein Adlerflug - mit erhebender Musik untermalt. Letztere kommen vom US-amerikanischen Komponisten Philip Glass. Im Jahr 2000 wurde sein "Tirol Concerto" im Rahmen der Klangspuren uraufgeführt. Seither sind die Klänge von Philip Glass und die Bilder des Filmemachers Georg Riha, Inbegriff für einprägsame Werbung aus und für Tirol.

Vergangenen Freitag war das "Tirol Concerto" wieder zu hören. In einer neuen Fertigungshalle bei Swarovski in Wattens, begleitet vom Tiroler Kammerochester InnStrumenti. Erhebend war es erneut. Fein austarierte Klangteppiche, sich wiederholende Rhythmen in schlichter Opulenz, sind die Basis des so unverwechselbaren Stils von Philip Glass. Der 1937 in Baltimore geborene Sohn eines Schallplattenhändlers hatte in den 1960er Jahren die so genannte "Minimal Music" gegründet. Diese setzte auf klassische Harmonik ohne abstrahierte Töne, in Verbindung mit repetitiven Fragmenten. Doch brachten ihm seine feinsinnigen Themen durchaus Kritik ein. Der gesellschaftliche Aufbruch, der in den 1968er Jahren in allen Genres zu spüren war, fand sich in seinen Kompositionen nicht wieder. Man nannte Glass "den Meister des Gelegenheitswerks". Doch er blieb seinen kontinuierlich fließenden, berührenden Symphonien treu und schuf damit eine eigene Klangsprache. Ähnlich wie bei der "Minimal Art", die sich auch im Laufe der 60er Jahre in den USA entwickelte und eine wesentliche Erneuerung der Skulptur darstellte, war auch die "Minimal Music" sehr umstritten. Glass´ Durchbruch kam erst in den 1970er Jahren, als er seine "Music in Twelve Parts" in der New Yorker Town Hall uraufführte. Heute gilt er als großer Meister kompakter Kompositionsstrukturen und als produktivster Bühnenkomponist seiner Zeit. Mit Österreich verbindet ihn nicht nur das "Tirol Concerto", sondern auch die Monumentaloper "Kepler", die zum Kulturhauptstadtjahr 2009 in Linz uraufgeführt wurde.

Am Freitag war er mit seinem langjährigen, musikalischen Weggefährten, dem bekannten Dirigenten und Pianisten Dennis Russel Davies und dessen Frau, der aus Japan stammenden Pianistin Maki Namekawa, zu sehen und zu hören. Wenngleich der Meister selbst nur 10 Minuten auf der Bühne stand. Kreislaufprobleme machten eine Programmumstellung notwendig. Im ersten Teil waren Glass´ "Four Movements for Two Pianos" zu hören, anschließend die Suite für drei Klaviere "Le Enfants Terribles" aus dem Jahre 1996, ehe der erste Teil mit "Two Movements for Four Pianos" aus dem Jahre 2013 endete. Acht Hände spielten auf vier Steinway-Flügel und ließen Musik entstehen, die von den Gegensätzen Freiheit und Grenze getragen wurden. Gedanken tauchten auf: Wir leben in großer Freiheit und brauchen doch Grenzen, um Ästhetik einordnen zu können. Philip Glass erweitert diese Grenzen. Er lässt neues, lebendiges Leben jenseits von Zeit und Raum entstehen. "Wenn er Klavier spielt, hört man sein Herz, seine Persönlichkeit", steht im Programmheft zu lesen. Findet Persönlichkeit in der Musik Widerhall?

Die Pianistin Maki Namekawa hört und spielt diesen Widerhall des großen Komponisten. Philip Glass selbst sieht sich als Reisender, der früher oder später wieder nach Hause zurückkehrt, um seine persönliche Welt aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. So kam er nach 18 Jahren wieder nach Tirol zurück und wurde dafür zahlreich bedankt. Vom Festivalleiter Thomas Larcher, vom Weggefährten Dennis Russel Davies und vom Publikum mit Standing Ovations. Schön war, dass die Herren auf der Bühne sich auch an die Ideengeberin erinnerten: Bettina Schlorhaufer, damals führendes Mitglied der Klangspuren Schwaz, hatte die Idee zur Auftragskomposition. Hinter der heimlichen Tiroler Landeshymne steht also eine Frau!