Frühes Kunst- und Leseerlebnis

24. May 2018 » Erinnern & Gedenken

Jede und jeder hat so ein frühes Leseerlebnis. Meines hat direkt mit Kunst zu tun. Ich erinnere mich zurück ans beste Teenageralter. Während den Sommerferien trat ich alljährlich die Bahnfahrt nach Rosenheim an und besuchte meine sehr belesene Tante. Sie las allerhand Ratgeber-Literatur, hatte aber auch einige Kunstbände im Bücherschrank, die mich faszinierten. Sie selbst war gesegnet mit kreativem Talent und eignete sich die nötigen Fähigkeiten im Selbststudium an. "Malen und Zeichen - mehr Wissen, Können, Spaß am kreativen Gestalten" war am Buchrücken zu lesen. Ich weiß es noch wie heute. Das Cover zeigte eine Ente, die in drei Bildern immer bunter wurde ... Ich nahm das Buch heraus und wollte ein paar Handgriffe lernen. Bereitwillig zeigte sie mir, wie man den Pinsel in die Farbe taucht und dabei nicht zu viel Wasser beimischt. Oder dass gespitzte Buntstifte gar nicht gut zu verwenden sind: "Da muss man zu oft hi´glanga", höre ich noch ihren bajuwarischen Dialekt im Ohr. Wenngleich die Bemühungen fehlschlugen, aus mir eine Künstlerin zu machen, hat sie das Interesse am kreativen Tun in mir geweckt.

Damals ergab sich die fast göttliche Fügung, dass eine Retrospektive des großen Surrealisten Salvador Dalí im Rosenheimer Lokschuppen gezeigt wurde. Meine Recherche im Internet warf mir das Jahr 1990 aus. Also vor 28 Jahren besuchte ich meine erste Ausstellung. Ich bewunderte Dalís "Brennende Giraffe" - das für mich so unheimlich erscheinende Gemälde in Dunkelblau. Oder die "Versuchung des Heiligen Antonius", in dem sich meine Tante lauthals über die langbeinigen Tiere wunderte. Wohl um mich vom übergroßen Phallussymbol abzulenken? In besonderer Erinnerung ist mir aber das rote Lippensofa der Mae West (1893-1980). Salvador Dalí war zeitlebens fasziniert von der amerikanischen Schauspielerin und ihr Mund stand Modell für seine legendäre Lippenliege. Eine Nachbildung stand im Foyer. Mit dem Bildband aus dem Museumsshop setzte ich mich auf die schöne Couch und begann zu lesen. Ich las mich in eine Welt hinein. Ich saugte die Schrift in mir auf, die Abbildungen ließen eine Falltüre aufgehen, sodass ich nichts mehr um mich herum wahrnahm. Seite um Seite tauchte ich tiefer ein in die surrealistische Welt des Traumes, des Unbewussten und in den so durchdringenden Blick des Meisters mit gezwirbeltem Schnurrbart. Und heute kann ich nicht mehr ohne: Lesen, Ausstellungen besuchen, Kunst betrachten und beschreiben. Den Grundstein hat nicht nur Salvador Dalí gelegt, sondern in erster Linie meine liebe Tante Margit.

Wie war das bei Ihnen? Wer hat Sie zum ersten Kunst- und Leseerlebnis geführt?

In Erinnerungen schwelgend
, Ihre Julia Sparber-Ablinger